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29. Mai 2023

Die Lehre der türkischen Wahl

Die letzte Demokratie Europas hat entschieden: „Niemand wird die Rechte des türkischen Volkes beschränken, niemand wird uns aufhalten!“

Das wird aus der Rede des Siegers Erdoğan in Erinnerung bleiben.

Diese Worte werden die Politik der Türkei in den kommenden Jahren prägen:

Die Türkei bleibt souveränistisch, unabhängig, und behauptet ihre Rolle als große regionale Macht.

Mehr noch: die Türkei, zugleich Mitglied der NATO und der BRICS, wird sich von den USA distanzieren, aber auch vom „Modernismus“: „BYE, BYE MR KEMAL!“ aus Erdoğans eigenem Munde bezeugt es. Dass er es auf Englisch sagte, ist eine unmittelbare Botschaft an die USA; doch als er sich auf KEMAL bezog … meinte er gewiss nicht NUR den bereits namenlosen Herrn Kılıçdaroğlu, den Gegenkandidaten des „Sultans“, großen Verfechter der westlichen „Werte“, vertreten durch LGBTQWERTY und durch *Slawa*.

Die Botschaft hatte als geschichtlichen Adressaten Herrn Mustafa Kemal Atatürk! Bestätigt wird dies durch den Satz zu Beginn von Erdoğans Rede: „Ich habe diese Reise in Istanbul begonnen, heute beende ich sie in Istanbul! Danke, Istanbul!“ — und dass der „Sultan“ Istanbul gegenüber Ankara als Anfangs- und Endpunkt seines Wahlkampfs vorzog, ist nicht zufällig, so wenig wie es zufällig ist, dass Kemal Kılıçdaroğlu Ankara gewählt hat. Istanbul war die osmanische Hauptstadt; Ankara ist die Hauptstadt des von Atatürk errichteten „modernen“ Staates. Die Botschaft ist einfach: Kemal ist Geschichte geworden. Kemal Atatürk.

Darum wage ich noch eine „Weissagung“: während Erdoğans Amtszeit wird Istanbul wieder Hauptstadt der Türkei werden. Davon bin ich überzeugt. Es bleibt abzuwarten, ob die Zukunft mir recht gibt, doch der wiedergewonnene Rang einer großen regionalen Macht und die Rückkehr zu überlieferten Werten werden eine klare zeitliche und räumliche Abgrenzung verlangen, und der Wechsel der Hauptstadt der Türkei wird dieser Augenblick und jener Ort sein.

Und noch etwas wird nach dem heutigen Tag bleiben, etwas scheinbar Widersprüchliches:

Die Türkei ist die letzte Demokratie Europas!

Es gab Kandidaten mit diametral entgegengesetzten Vorstellungen, frei geäußert, einer freien Abstimmung unterworfen, bei der das Volk klar, wenn auch knapp, entschieden hat, wobei Erdoğans Sieg von seinem Gegenkandidaten Kemal Kılıçdaroğlu bestätigt wurde. Wo geschieht das noch in der „zivilisierten und demokratischen Welt“? Wo?

Wo entscheidet das Volk noch gegen den weltweiten Trend? Wo?

Gewiss nicht in Europa oder in der westlichen „demokratischen Welt“.

Und hier liegt der Widerspruch: die Demokratie, im Westen geboren und theoretisch begründet, wird nur noch an den Toren des Orients geübt …

Ein Schluss? Das türkische Volk hat demokratisch entschieden, eine Seite der Geschichte endgültig umzublättern: der Unipolarismus ist untergegangen; heute ist die Pax Americana gestorben.

Der Multipolarismus ist in Istanbul zur Welt gebracht worden.

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Thema: Die Welt im Sturm · Unterthema: Vom Nahen Osten

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